Vitamin D - Orientierung im Datendschungel zwischen Laborwerten, Wohlbefinden und Sonne
In der täglichen Praxis – und ehrlich gesagt auch bei meiner eigenen Recherche und auf Lehrveranstaltungen* – fühle ich mich manchmal wie in einem Dschungel aus Daten, Fachartikeln und widersprüchlichen Empfehlungen.
So ging es mir, als ich die unzähligen Aussagen zu Vitamin D, besser gesagt dem D-Hormon, prüfen wollte. Mag das der Grund sein, warum Ihre Krankenkasse den Vitamin-D-Status nicht bezahlt? Mehr zu den S3-Leitlinien im letzten Absatz.
Die Wirkweise
Vitamin D wirkt im Körper nicht isoliert, sondern – wie jedes Hormon – über spezifische Rezeptoren.
Hier spielt der Vitamin-D-Rezeptor (VDR) eine entscheidende Rolle: Nur wenn er aktiviert werden kann, entfaltet das Hormon seine Wirkung in der Zelle. Übrigens: das gilt für alle Hormone - die Rezeptoren entscheiden über die Wirkung. Damit gilt wieder mein Leitsatz "Regulieren statt supplementieren".
In Fachkreisen wird inzwischen auch über mögliche Gegenspieler und Blockaden diskutiert, die diese Wirkung hemmen könnten.
Das erklärt, warum zwei Menschen bei gleichem Blutwert ganz unterschiedlich auf Vitamin D reagieren können.
Im Labyrinth der Fachmeinungen
In der Literatur stolpert man schnell zwischen Fachbegriffen, unterschiedlichen Zielbereichen und der Warnung vor Intoxikationen, also Überdosierungen. Was Sie wissen sollten: es gibt zwei Formen von Vitamin D (Synonym zu Vitamin D3 oder D-Hormon)
- 25-OH-Vitamin, die Speicherform
- 1,25-(OH)₂-Vitamin D, die aktive Hormonform
Die entscheidende Frage bleibt:
👉 Wann beginnt eine schleichende Intoxikation?
👉 Und ab wann wird ein gut gemeintes „Mehr“ an Vitamin D zum Risiko für die langfristige Gesundheit?
Mit Hilfe von Recherchetools wie ChatGPT (aufgrund der vielen unterschiedlichen Empfehlungen) und den aktuellen Leitlinien der Endocrine Society (2024) habe ich versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.
Das Ergebnis: Auch im Jahr 2025 liegt die Varianz der empfohlenen Zielwerte bei 25-OH immer noch zwischen 20 und 50 ng/ml (entspricht etwa 50 – 125 nmol/l).
Ein klarer Konsens bleibt schwierig, denn – wie so oft in der Medizin – lautet das Fazit:
Es kommt auf den Menschen an.
Auf seine Regulationsfähigkeit, seine Leber- und Nierenfunktion, seine Ernährung und seine Bewegung im Freien.
Oder anders gesagt: Gesundheit ist keine Zahl, sondern ein Gleichgewicht.
Mentale Gesundheit: der holistische Blick
Im Zusammenhang mit mentaler Gesundheit werden häufig Werte um 30 ng/ml diskutiert.
Doch dabei wird selten bedacht, dass ein ausgeglichener Vitamin-D-Status nicht allein auf Supplemente zurückgeht – sondern oft schlicht auf Bewegung in der Natur: Tageslicht, frische Luft, Aktivität.
Vielleicht fühlen sich Menschen mit stabilerer Stimmung nicht deshalb besser, weil ihr Vitamin D „hoch“ ist, sondern weil sie mehr Sonne und Lebensenergie tanken.
Bewegung, Licht und soziale Kontakte beeinflussen unser hormonelles Gleichgewicht, unseren Schlaf-Wach-Rhythmus und unser Immunsystem – alles Faktoren, die mit Vitamin D verwoben sind.
Medizin. Verstehen. Menschlich.
Mir ist wichtig, dass Patient:innen verstehen, wie Vitamin D im Körper entsteht und wirkt:
- Haut:
UV-B-Licht der Sonne wandelt eine Cholesterin-Vorstufe in der Haut in Cholecalciferol (Vitamin D₃) um. - Darm (bei Vitamin D aus Nahrung oder Präparaten):
Vitamin D ist fettlöslich. Es wird im Dünndarm gemeinsam mit Nahrungsfetten aufgenommen. Eine gute Fettverdauung ist dafür wichtig.

- Leber:
In der Leber wird Vitamin D zu 25-OH-Vitamin D (Calcidiol) umgewandelt – der Speicherform, die im Blut gemessen wird. - Niere:
In der Niere entsteht daraus mithilfe eines Enzyms die aktive Hormonform 1,25-(OH)₂-Vitamin D (Calcitriol).
Erst diese aktive Form wirkt im Körper als Hormon.
Sie steuert unter anderem:
- die Aufnahme von Calcium im Darm
- den Calcium-Stoffwechsel im Körper,
- den Aufbau und Erhalt von Knochen und Muskulatur,
- sowie wichtige Funktionen des Immunsystems.
💧 Leber & Niere – die unterschätzten Schaltzentralen
Wenn also Darm, Leber oder Niere nicht optimal arbeiten, kann Vitamin D zwar vorhanden sein, aber nicht ausreichend in seine wirksame Hormonform umgewandelt werden.
In diesem Fall fehlt dem Körper funktionell das aktive „D-Hormon“, auch wenn der Blutwert auf den ersten Blick nicht stark auffällig erscheint.
In der Naturheilkunde bzw. funktionellen Medizin betrachten wir diese Organe nicht isoliert, sondern im Kontext des gesamten Stoffwechsels.
Eine gut arbeitende Leber reguliert die Umwandlung, während gesunde Nieren die Aktivierung sicherstellen.
Daher sind pflanzliche Bitterstoffe, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, moderate Bewegung und Ernährung mit frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln wichtige Grundlagen.
(Übrigens: Ein eigener Artikel zu Leber und Niere in der TCM-Perspektive folgt bald 😉)
📈 Messen – Verstehen – Handeln
Viele Patient:innen fragen: „Lohnt es sich, Vitamin D messen zu lassen?“
Ja – wenn man weiß, warum.
Eine einmalige Laborbestimmung kostet je nach Gebührenordnung etwa 30 – 50 Euro (je Wert) und liefert eine solide Ausgangsbasis.
Man kann es vergleichen mit einem Projektplan oder Businessplan:
- IST-Analyse → Messung des aktuellen Status
- Aktionsplan → gezielte Maßnahmen (Sonne, Ernährung, Supplement, Bewegung, vor allem Regulation von Leber und Nieren)
- Kontrolle → nach einigen Monaten Kontrolluntersuchung, ergänzt um das subjektive Wohlbefinden
Was sind Ihre Themen oder Beschwerden? Müdigkeit? Osteoporose? Schreiben Sie mir und Sie erhalten ein Angebot.
Denn am Ende zählt nicht nur der Laborwert, sondern auch wie Sie sich fühlen – leistungsfähig, wach, ausgeglichen. Und hierfür können auch andere Werte (mehr) Auskunft geben. Z.B. ein aktivierts Vitamin B12, Holo-Transcobalamin (Holo-TC). Ein erster Anhaltspunkt für zu wenig aktives Vitamin B12 sind zu große rote Blutkörperchen (das ist einem großen Standard Blutbild am MCV), daraufhin könnte dann entsprechend weiter geforscht werden, wo die Ursache dafür liegt…. Das war jetzt ein kurzer Perspektivwechsel wenn im Fokus Leistungsfähigkeit, eine Bereitschaft zur Veränderung und das allgemeine Energielevel liegt.
⚠️ Noch ein Wort zur Sicherheit
Hohe Dosen über lange Zeit oder große wöchentliche Einmalnahmen („Bolusgaben“) können zu Hyperkalzämie, Müdigkeit, Nierenbelastung und Gewebeverkalkungen führen.
Deshalb gilt: Tägliche kleine Dosis – besser als seltene große.
Für die meisten Menschen reicht eine Erhaltungsdosis von 800 – 1000 IE Vitamin D3 pro Tag völlig aus, um im sicheren Bereich über 20 ng/ml zu bleiben.
💬 Fazit: Sonne im Gleichgewicht
Vitamin D ist faszinierend – es verbindet Biochemie, Bewegung, Ernährung und Licht.
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis: Nicht das Streben nach passenden (hohen) Werten, sondern das Wiederfinden der eigenen Balance macht langfristig gesund.
Ich freue mich auf die angekündigte S3-Leitlinie, die Chancen und Risiken von Vitamin D endlich wissenschaftlich klar zusammenfassen soll. Die Veröffentlichung bei der AWMF ist aktuell ist für Ende März angekündigt. Zuvor war sie für Ende Oktober 2025 angekündigt. 2023 war sie ebenfalls schon angekündigt, als ich sie in meiner Bachelorthesis zur Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen verarbeiten wollte. Ein Indiz für die Komplexität des Themas, das die Zellgesundheit betrifft?
Ein guter Vitamin-D-Status trägt dazu bei, dass Zellen ihre Aufgaben klar und geordnet erfüllen können – ein Aspekt, der in der Präventionsmedizin zunehmend Beachtung findet.
Was sind Ihre Themen oder Beschwerden? Müdigkeit? Osteoporose? Schreiben Sie mir und Sie erhalten ein Angebot.
* Ein kritischer Artikel zu VitaminD3: Osteoporose eine Calciumverlustkrankheit?